Der Bildungsauftrag eines Theaters wird im
keinem Fall erfüllt, wenn z.B. Ferdinand von Walter in Schillers
'Kabale und Liebe' die Wände des Bühnenraumes an Steigeisen erklimmt
(eine Absolventin eines bayerischen Gymnasiums mit Einser-Abitur meinte
auf die Frage nach dem Stück: "Ach, da war doch was mit 'ner Limonade“),
die 'Aida' in einem Einheitsbühnenbild gezeigt wird, das an das
Vorzimmer von Herrn Mielke in der Stasizentrale in Berlin erinnert oder
der 'Woyzeck' als physisch geschwächter, psychisch geschundener Mensch
permanent über die Bühne rennen, an Tauen in den Schnürboden klettern
muss, um irgendeinen äußerlichen Inszenierungseffekt zu erzielen, der
mit den Intentionen des Autors nichts zu tun hat.
Einer der Hauptgründe des Unvermögens, Inhalte eines Stückes in
Verbindung mit ’äußeren Umständen’ zu bringen liegt daran, dass
länderabhängig nur noch Wissen und Fertigkeiten – hier in Form von
Lesekompetenz – vermittelt wird, die Auszubildenden aber nicht mit den
’Nebenschauplätzen’ (Zeit des Ablaufs des Stückes, soziale Hintergründe,
geschichtliche / politische Gegebenheiten) eines Werkes vertraut gemacht
werden und die Theater dann auch nicht ihre Aufgabe darin sehen, das
Publikum durch äußere Effekte zu unterhalten und besonders in
Klassikeraufführungen an falschen Stellen zu falschen Reaktionen zu
bringen.
Im Falle der ’Tosca’ wird durch die Theaterpädagogik der Staatsoper
Hannover den Lehrern Material zu Verfügung gestellt, in dem das
Regieteam im Gespräch mit dem Chefdramaturgen feststellt, dass dieses
Stück ursprünglich an einem historisch genau festgelegten Tag und
Ort, genaugesagt zwischen dem 17. und 18. Juni 1800 in Rom, zur Zeit der
napoleonischen Kriege spielt.
Das Übertragen der Hannover’schen ’Tosca’ vom realen 14. Juni 1800
zunächst in eine willkürliche Zeit zwischen
dem 17. und 18. Juni 1800 (gab es da einen halben Tag etwa 17,5
zwischen dem 17. und 18. Juni 1800 oder wie haben sich die Damen und der
aus Öffentlichen Geldern bezahlte Chefdramaturg das gedacht?) wird mit
fadenscheinigen Argumenten und Plattitüden zu begründen versucht.
Das Regieteam entfernt sich selbstgefällig mit Billigung des Intendanten
Dr. Klügl von Zeit, in der die Autoren das Original ansiedeln - in ein
Irgendwann:
Alexandra Szemereäy:
Der historische Hintergrund ist der
Generator eines gewissen Realismus, durch den die Personen des Stücks
sehr glaubwürdig erscheinen. Wichtiger als eine historische Fixierung
war für uns aber die Geisteshaltung, die sich durch die Personen
ausdrückt und die geprägt ist durch das Leben in einem totalitären und
zentralisierten Machtsystem.
Solche Situationen sind nicht an das Jahr
1800 gebunden und existieren bis heute.
Magdolna Parditka:
Eine zu genaue historische Festlegung und
Distanzierung könnte die Brisanz des Stoffes sogar entschärfen. Es gibt
in unserer Inszenierung natürlich historische Assoziationen, die aber
nie ganz konkret werden. Die bedrückende Nachkriegsstimmung, in der sich
das Geschehen abspielt, könnte irgendwo in Europa und irgendwann in den
50er- oder 60erJahren des vergangenen Jahrhunderts herrschen, aber es
könnte auch heute sein.
Quelle: Originalbeitrag von Klaus
Angermann für die Seitenbühne Oktober/November 2014
(Magazin der Staatsoper Hannover).
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Diese Aussagen werden als ’Musiktheaterpädagogisches Begleitmaterial zu
Tosca’ den Schulen zur Verfügung gestellt.
Im beobachteten und nachgefragten Fall, war die betroffene Lehrkraft
nicht in der Lage den Schülern vorzugeben, dass es sich hier um eine
Täuschung der Zuschauer handelt, wenn denn das Werk aus dem historischen
Zusammenhang gerissen wird und nur des Gags wegen einen anderen als den
vorgegebenen Zeitrahmen erhält.
Sie hatte unkritisch gelesen.
Damit wurden hier weder Schule, noch Theater dem Bildungsauftrag
gerecht.
So nehmen Schüler inszenatorische Fehlinterpretationen als Realität wahr
und stellen – schulisch fehlgeleitet - die Irreführung nicht fest.
Dass Diktatur und Terror auch zu anderen Zeiten möglich ist, steht außer
Zweifel. Die Tosca von Luigi Illica und Giuseppe Giacosa mit der Musik
von Giacomo Puccini jedenfalls spielt in Rom am 14. Juni 1800 im Rahmen
der Kämpfe bei Marengo.
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