'Bildungsgerechtigkeit'
- ein Wort auch aus
wahltaktischen Gründen gern benutzt - was ist darunter zu verstehen und wie ist
sie umzusetzen, um sie - möglichst frei von parteipolitischen Ansätzen - zu
erreichen?
In diesem Zusammenhang müssen zwangsläufig auch die unterschiedlichsten
Schulsysteme betrachtet werden, die durch die föderalen Gegebenheiten in der
Bundesrepublik zu berücksichtigen sind.
Politische Konstellationen ergeben sich durch das Wählervotum.
Wollte die Bevölkerung Niedersachsens eigentlich die Regierung aus CDU und FDP
fortbestehen lassen, meinten einige - um dies zu sichern - sich der FDP zuwenden
zu müssen, mit dem fatalen Ergebnis, dass diese Partei zwar eine hohe Zustimmung
verzeichnen konnte, die Union aber geschwächt durch diese Stimmenverschiebung
hervorging und mit einer Stimme Mehrheit sich eine von der Mehrheit der
Bevölkerung nicht gewollte Koalition aus Rot und Grün ergab.
Diese diskutiert zur Zeit in der Schulpolitik die Fragen nach z.B.
Abschaffung von 'Sitzenbleiben' und das Wiederholen von Klassen. Die Abschulung
sollen durch individuelle Förderung überflüssig gemacht und in der Grundschule
die Noten durch Entwicklungsberichte ersetzt werden. Die Schullaufbahnempfehlung
ist zu eliminieren - so jedenfalls in diesem Norddeutschen Bundesland,
festgelegt im Koalitionsvertrag von Rot und Grün.
Bisher war gemäß den Gesetzesvorlagen möglich, für die Schuljahre 6 bis 8
wahlweise Benotungen in den Zeugnissen auszusprechen oder Entwicklungsberichte
abzugeben.
Nun soll für die Gesamtschule die Benotung endgültig entfallen und nur noch
Entwicklungsberichte sind abzugeben.
Hier zeigt sich eine Tendenz, die schon seit Jahren vorherrscht:
'Runter mit der Bildung und der Leistung' und hin zu einem 'Kaskoabitur', das zu
fatalen Fehlentwicklungen führt - siehe hierzu der Beitrag des BR Fernsehen
'Ausbildungsmisere' vom 2. Mai 2014.
Wer meint, durch Abschaffung der Noten den Bildungsstand zu erhöhen, liegt
falsch.
Die CDU will daher im Gegensatz zur jetzigen niedersächsischen rot-grünen
Landesregierung das Notensystem beibehalten - was auch von 85% der Schüler und
Studenten befürwortet wird - und den jungen Menschen nahebringen, dass auch in
der Schule Leistung etwas zählt und gefördert wird, weil soziale Einstellung und
Leistungsbereitschaft auch in Zukunft zu Schlüsselkompetenzen zählen werden.
Wichtig in dem Zusammenhang muss sein die individuelle, begabungsgerechte
Förderung, die auch vielfältig ist und nicht einem 'Einheitsbrei' das Wort
redet, nur um zu vermeiden, nicht gegen den Gleichheitsgrundsatz zu verstoßen.
In Niedersachsen zeigte sich während der Jahre 2003 bis 2013 eine Halbierung der
Anzahl junger Menschen, die ohne Abschluss die Schule verließen - hier wirkten
sich die individuelle Förderung des Einzelnen und berufsorientierte Angebote
aus.
Dazu Steigerung des finanziellen Aufwandes für Bildung von 3,7 Milliarden Euro
auf 5 Milliarden Euro p.a. in den zehn Jahren der schwarz-gelben Regierung in
Niedersachsen.
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Wird aus Bildungsgerechtigkeit - aus der Sicht des Erziehungswissenschaftlers -
der Begriff Bildung herausgelöst, findet er sich in den Teilbereichen wie z.B.
Leistung, Elternhaus, Migration, Inklusion, Finanzen, wobei hier die Zahl der
'Leitmotive' durch Verflechtungen mit anderen Einzelthemen ins Uferlose geht.
Anders bei dem Begriff Gerechtigkeit, der bereits seit der Antike unter dem
Aspekt 'Gleiches für alle' diskutiert wird.
Bildung ist nicht das, was PISA misst. Zur Bildung eines Menschen gehört nicht
nur Wissen, sondern Persönlichkeitsentfaltung, aus der sich letztendlich die
Frage ergibt, was habe ich als Person mit meinen Möglichkeiten, meinem über die
Jahre gewachsenen Wissen, meiner Lebenserfahrung und Menschenkenntnis aus meinem
Leben gemacht.
Es kann nicht PISA zur Beurteilung herangezogen werden, wenn allein die Sprache
bei der Vermittlung von lehrplangerechtem Wissen in den Schulen nicht
uneingeschränkt zur Verfügung steht.
Hier Finnland - bei 98 Prozent der Schüler über Kenntnis der Sprache des Landes
verfügen, gegenüber denen, die in Berlin-Neukölln oder am Münchener Hasenbergl
oder in Giersing der Schulpflicht entsprechen.
Was hört ein Kind während der Schwangerschaft, Bildung beginnt bereits im
Mutterleib.
In einem Familiengefüge türkischen Gastarbeiter muss die Enklelin mit der Oma zu
Arzt gehen, weil die sich nicht ausdrücken kann.
Was lernt der Nachwuchs in einem solchen Umfeld?
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Problematisch ist der Versuch, Bildungsgerechtigkeit an Abschlüssen messbar zu
machen, um festzustellen, ob Kinder aus bildungsfernen Familien schlechtere
Abschlüsse machen, als solche mit Eltern aus bildungsnahen Schichten - denn
Bildung lässt sich nicht an Abschlüssen festmachen.
Ganz falsch ist es, einen Rückschluss zuzulassen, wer eine geringere Bildung
besitzt, ist ein minderwertiger Mensch.
Das von den Schulen zu vermittelnde Wissen offeriert einzelne Gebiete, die vom
Lehrplan und den bundesrepublikanischen Regionen unterschiedlich bewertet
werden, und bietet der 'Allgemeinheit im deutschen Klassenpublikum' etwas,
bezogen auf heutige Bedürfnisse an. Bildung verändert sich aber und muss daher
immer wieder neu definiert werden.
Gerechtigkeit bedeutet neben 'Gleiches für alle', aber auch 'Jedem das Seine' -
was zwangsläufig dazu führen muss, jeden gemäß seiner Fähigkeiten zu fördern.
Ein 'Über-Hürden-hinwegheben' von Schwachen muss auf der anderen Seite auch die
spezielle Förderung von Begabten vorsehen, was letztendlich der Gemeinschaft
nützen kann.
Das System der Gesamtschule vermag Schwächere zu fördern, ermöglicht
Bildungsgerechtigkeit, reduziert aber Begabte.
Eingliedrigkeit gegenüber Dreigliedrigkeit des Schulsystems.
Angeblich kann die Gesamtschule 'Mängel' aus einem bildungsfernen Elternhaus
ausgleichen.
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Die Ganztagschule widerspricht dem bayerischen christ-katholischen Gedanken:
Die Mutter ist zu Hause und kümmert sich um die Kinder - so jedenfalls die
Meinung, basierend auf der Aussage des Namensgebers der Stiftung - KAS: 'Kinder
kriegen die Leute immer'.
In der heutigen Wirklichkeit, ob Paar, ob Ehepaar, ob Alleinerziehend - man ist
froh, wenn sich jemand Qualifiziertes um die Kinder kümmert.
Was im Ausland längst Standard ist, wartet hier im Lande noch weitgehend auf
Realisierung.
Kinder kommen dort spätnachmittags nach Hause, die Schulaufgaben sind unter
Aufsicht gemacht, Nichtverstandenes wurde ausgiebig erklärt.
Ohne Ganztagschule sind Kinder sich selbst überlassen,
''weil's Mutterl net dahoam is' - damit Schlüsselkinder, die mit dem
zu Lernenden nicht klar kommen und abends sich nicht trauen, um Hilfe zu bitten.
Hierbei ist noch zu berücksichtigen, ob die / der Erziehungsberechtigte u.U.
überhaupt in der Lage ist, etwas zu vermitteln, vor allem dann, wenn er/sie
selber nicht über die entsprechenden Kenntnisse - geschweige den pädagogischen
Fähigkeiten verfügt - Verlangtes aufbereitet anzusagen.
Dass dabei auch Autorität der Eltern oder des einzelnen Teils beschädigt wird,
erkennt das Kind:
's' Vatterl kennt sie net aus, der woaß a net ois!'
In einer Ganztagsschule werden Schwächen rechtzeitig erkannt, ehe durch
mangelhafte Beobachtung, bzw. nicht rechtzeitig einsetzender Unterstützung
Lücken entstehen.
Die 'Herdprämie' - von der Union als Option gepriesen - verleitet dazu,
Kleinkinder in einem oft unqualifizierten Umfeld zu belassen.
Kenntnisse werden - wenn überhaupt - nur einseitig vermittelt und dann soweit
der Lehrende über sie verfügt, Gemeinsamkeiten werden in einem so abgeschotteten
Elternhaus auf Einzelpersonen reduziert.
Ohne Ganztagschulen stehen nur Begüterten Nachhilfeeinrichtungen zur Verfügung,
die landesweit boomen oder eben die Regensburger und sonst Niederbayerische
Möglichkeit:
'Hoast a dumm's Kind'l, schick's zum Pindl!'
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Um 'Missverständnisse' zu vermeiden: |
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wir diese Besprechungen und Kommentare nicht als Kritik um der Kritik
willen, sondern als Hinweis auf - nach meiner Auffassung - Geglücktes oder
Misslungenes.
Neben Sachaussagen enthalten diese Texte auch Überspitztes und
Satire.
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